FOKALE THERAPIE – DIE ZIELGERICHTETE BEHANDLUNGSMETHODE FÜR PROSTATAKREBS

Das Standardvorgehen in der Behandlung von Prostatakrebs ist, die ganze Prostata zu entfernen oder zu bestrahlen. Der medizinische Fortschritt der letzten Jahre führte zur Entwicklung der sogenannten fokalen Therapie als mögliche Alternativen zu Operation und Bestrahlung. Die fokale Therapie bei Prostatakrebs beschränkt sich nur auf den Teil der Prostata, der tatsächlich von einem behandlungsbedürftigen Tumor befallen ist. Gesundes Gewebe soll geschont und Nebenwirkungen dadurch reduziert werden.

Die Prostata ist das einzige solide Organ, das noch nicht standardmässig mit fokaler Therapie behandelt wird.

Das Konzept der Organerhaltung ist bereits seit vielen Jahren in der Krebstherapie anderer Organe (z.B. Brustkrebs, Nierentumoren, etc.) Standard. In der Tat ist die Prostata das einzige solide Organ, bei dem dieser Therapieansatz nicht standardmässig zum Einsatz kommt.

Fokale Therapie bei Prostatakrebs – für wen geeignet?

 

Prostatakarzinome sind von ihrem biologischen Verhalten und ihrer Fähigkeit, Absiedlungen auszubilden sehr uneinheitlich. Im Jahr 1998 wurde eine international anerkannte Risikoklassifizierung des Prostatakarzinoms herausgegeben(vgl. Studie 1 weiter unten).
  Niedriges Risiko Mittleres Risiko Hohes Risiko
PSA <10 ng/ml 10 bis 20 ng/ml >20 ng/ml
Gleason-Score ≤6 7 8-10
Tumorstadium T1 bis T2a T2b ≥T2c
Tabelle 1: Risikoeinteilung des Prostatakarzinoms (D’Amico Kriterien)

 

Diese Klassifizierung ermöglicht eine Aussage über die Prognose der Tumorerkrankung. Anhand des PSA-Wertes, der feingeweblichen Untersuchung (Gleason-Score, Tumoraggressivität) und des klinischen Stadiums der Erkrankung wird das Prostatakarzinom in drei Risikogruppen (niedriges, mittleres und hohes Risiko) eingeteilt (Tabelle 1). Diese sogenannte D’Amico Klassifikation ist eine wichtige Grundlage für den Therapieentscheid.

Die fokale Therapie des Prostatakarzinoms bietet nach gängiger Expertenmeinung (Tabelle 2) betroffenen Männern mit einem niedrigen bis mittleren Risiko eine Alternative zu den Standardbehandlungsoptionen wie aktiver Überwachung, Operation und Bestrahlung (vgl. Studien 2, 3 weiter unten).

  • Lebenserwartung > 10 Jahre
  • Lokal begrenzter Tumor
  • Niedriges bis mittleres Risiko – (Gleason 3+3, Gleason 3+4 und Gleason 4+3)
  • PSA ≤ 10 ng/ml
  • Indexläsion
    – Übereinstimmung MRI und Biopsie, mpMRT/TRUS Fusionsbiopsie
    – Systematische Biopsien (Mappingbiopsie) sind zwingend notwendig!
Tabelle 2: Tay KJ, Scheltema MJ, Ahmed HU, et al. Patient selection for prostate focal therapy in the era of active surveillance: an International Delphi Consensus Project. Prostate Cancer Prostatic Dis. 2017;20(3):294-9.

Fokale Therapie bei Prostatakrebs – welche Technik?

Aktuell werden mehrere fokale Therapieverfahren zur organerhaltenden Therapie des Prostatakarzinoms angeboten. Die fokale Therapie mittels HIFU (Hochintensiver fokussierter Ultraschall) ist aktuell die am längsten und besten untersuchte Methode. Andere Verfahren sind die photodynamische vaskuläre Therapie der Prostata (VTP), die Kryotherapie und die irreversible Elektroporation (IRE). Prinzipiell können die fokalen Therapieoptionen in thermale (HIFU, Kryotherapie) und nicht-thermale Verfahren (IRE) unterteilt werden.

Fokale Therapie bei Prostatakrebs – Risiken, Nebenwirkungen und Tumorkontrolle?

Es gibt bereits eine gute Datenlage zu Risiken, Nebenwirkungen und Tumorkontrolle der fokalen Therapie bei Prostatakrebs. Die Daten wurden in der höchstdotierten Urologischen Fachzeitschrift publiziert und werden folgend tabellarisch dargestellt (vgl. Studien 4 und 5 weiter unten).

 

  Ablation Inkontinenz Erektionsverlust Harnverhalt
Kryotherapie Kälte 1% 0-31% 5%
HIFU Hitze 1% 0-31% 5%
IRE Elektroporation 1% 5-10% 3%
Laser Hitze 1% 5% 1%
PDT Vascular targeting 5% 2% 7%
Brachytherapie Strahlung 5%
Radikale Prostatektomie   0-50% 29-100%
Tabelle 3: Risiken und Nebenwirkungen verschiedener Therapieformen bei Prostatakrebs (van der Poel HG, van den Bergh RCN, Briers E, et al. Focal Therapy in Primary Localised Prostate Cancer: The European Association of Urology Position in 2018. Eur Urol. 2018;74(1):84-91.)
  1 Jahr 3 Jahre 5 Jahre
 Keine Metastasen  99.7%   99%   98% 
Krebsspezifisches Überleben  100  100  100% 
Gesamtüberleben  100 99 
99% 
 
Tabelle 4: 5-Jahresdaten nach fokaler Therapie bei nicht-metastasierten Prostatakarzinom (Guillaumier S, Peters M, Arya M, et al. A Multicentre Study of 5-year Outcomes Following Focal Therapy in Treating Clinically Significant Nonmetastatic Prostate Cancer. Eur Urol. 2018;74(4):422-9.)

Zitierte Studien

1. D’Amico AV, Whittington R, Malkowicz SB, et al. Biochemical outcome after radical prostatectomy, external beam radiation therapy, or interstitial radiation therapy for clinically localized prostate cancer. JAMA. 1998;280(11):969-74.

2. Donaldson IA, Alonzi R, Barratt D, et al. Focal therapy: patients, interventions, and outcomes–a report from a consensus meeting. Eur Urol. 2015;67(4):771-7.

3. Tay KJ, Scheltema MJ, Ahmed HU, et al. Patient selection for prostate focal therapy in the era of active surveillance: an International Delphi Consensus Project. Prostate Cancer Prostatic Dis. 2017;20(3):294-9.

4. van der Poel HG, van den Bergh RCN, Briers E, et al. Focal Therapy in Primary Localised Prostate Cancer: The European Association of Urology Position in 2018. Eur Urol. 2018;74(1):84-91.

5. Guillaumier S, Peters M, Arya M, et al. A Multicentre Study of 5-year Outcomes Following Focal Therapy in Treating Clinically Significant Nonmetastatic Prostate Cancer. Eur Urol. 2018;74(4):422-9.
„Der Hauptunterschied zwischen IRE und den anderen fokalen Therapien ist, dass die NanoKnife-Methode kein thermisches Verfahren ist. Somit können unvorhersehbare Nebenwirkungen durch unkontrollierte Hitze oder Kälte vermieden werden.“
Privatdozent Dr. med. Malte Rieken